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Geheime Dramaturgische Gesellschaft Posts

Die Woche für nicht-infektiöse Begegnungsformate

Ein Erfahrungsbericht von Laura Kallenbach

Ich ver­mis­se Theater. Ich ver­mis­se die gemein­sa­me Raumerfahrung, die unru­hi­ge, erwar­tungs­vol­le Spannung bevor es los geht, bekann­te Gesichter zu tref­fen und allei­ne in der Zuschauer*innengruppe unter­zu­ge­hen, wenn das Licht schumm­ri­ger wird. Ich ver­mis­se Staubpartikel im Scheinwerferlicht, Sätze, die auf der Bühne und in mei­nem Kopf nach­hal­len, Körper, die vor mir, neben mir, hin­ter mir aktiv sind, atmen, reagie­ren, zuhö­ren, arbei­ten. Ich ver­mis­se schö­ne Menschen, die an der Bar im Foyer ste­hen und im Nachgespräch schlaue Sachen sagen und wich­ti­ge Fragen stel­len. Ich ver­mis­se Auseinandersetzung, mit mir, mit ande­ren.

Ich habe trotz­dem oder gera­de des­halb in den letz­ten Monaten weni­ge Online-Theater- Ersatzformate wahr­ge­nom­men. Kaum Inszenierungen über Plattformen gestreamt oder mich von Schauspieler*innen oder Performer*innen in ihr Wohnzimmer zu einer Lesung oder ähn­li­chem ein­la­den las­sen. Meine ein­ge­üb­te Aufmerksamkeit vor dem Bildschirm funk­tio­niert für Videomitschnitte von Inszenierungen nicht auf die sel­be Art und Weise wie für Netflix-Serien. Prozentual viel­leicht unge­fähr in dem Verhältnis in dem Theatern finan­zi­ell und tech­nisch Mittel für eine sol­che Videoproduktion gegen­über einer Filmproduktion zur Verfügung ste­hen, abzüg­lich der Ablenkung, dar­über nach­zu­den­ken, wie die Raumerfahrung, für die die­se Inszenierung eigent­lich erar­bei­tet wur­de, jetzt wohl even­tu­ell wäre, ob Streamingangebote gera­de Rettung oder Tod des Theaters bedeu­ten, ob, wie, und … Ich mach mir kurz ne Stulle.

Vor ein paar Wochen aller­dings hat­te ich durch die „Woche der nicht-infektiösen Begegnungsformate“ der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft plötz­lich einen Terminkalender vol­ler Theater-Dates, die ich alle­samt wahr­ge­nom­men habe. Zu wis­sen, dass zu den ein­zel­nen Terminen des Wochen-Spielplans meh­re­re Menschen zusam­men kom­men wer­den und die Aufführungen (unter­schied­li­cher Art) gemein­sam erle­ben wer­den, war auf jeden Fall schon mal ein ers­ter Anreiz, die­ses Format zu tes­ten. Oder eigent­lich die Formate. Die unter­schied­li­chen, offe­nen Versuchsanordnungen, Theater und vor allem Begegnung mit und über Theater in die­ser Zeit statt­fin­den zu las­sen, haben mich neu­gie­rig gemacht und mich als Mitforschende ein­ge­la­den.

Ich habe in einem Zoom-Meeting mit 30, 40 Menschen zusam­men Theater geschaut, ein TIMEOUT ein­ge­for­dert, um den Stream zu unter­bre­chen und eine Frage zur Inszenierung zu stel­len – ans Team und an die ande­ren Zuschauenden. Ich habe den Zoom-Zuschauer*innen-Raum nicht zwi­schen­zeit­lich ver­las­sen, um ande­re Dinge zu tun, son­dern mich tat­säch­lich im kol­lek­ti­ven Schauen auf den Stream (und den kom­men­tie­ren­den Chat mit den ande­ren) kon­zen­trie­ren kön­nen, mich viel­leicht auch in die­ser Konstellation stär­ker mit ver­ant­wort­lich gefühlt. Und ich habe im Nachgespräch wich­ti­ge Frage zur Inszenierung wei­ter­den­ken und bespre­chen kön­nen. Ich hat­te allei­ne
in mei­ner Wohnung sit­zend das Gefühl, gemein­sam Theater zu erle­ben. Das Video hat die Live-Aufführung nicht erset­zen kön­nen, aber das Format eine Form des gemein­sa­men Erlebens.

TIME-OUT! Ein unter­bro­che­nes Public Viewing“ zur Online-Aufführung von „Scream“ am Jungen Ensemble Stuttgart

Ich war eine Stunde spa­zie­ren und habe mich am Telefon zufäl­lig aus­ge­lost zwar nicht mit einer mir frem­den Person unter­hal­ten, aber doch als schö­ne Überraschung mit einem Menschen, den ich sonst gera­de nicht tref­fe. Ich bin durch die Straßen und den Park spa­ziert und wir haben dar­über gespro­chen, wie uns die Situation gera­de betrifft, wie wir sie wahr­neh­men und mit ihr umge­hen, ob Theater dabei gera­de eine Rolle spielt, wie und was geschaut wird, über die Zukunft des Theaters (oder eher der Theater
in ihren sehr unter­schied­li­chen insti­tu­tio­nel­len Bedingungen) spe­ku­liert und Fragen an gesell­schaft­li­che Auswirkungen die­ser Krise gestellt. Das bei einem Spaziergang zu tun, an ande­ren Menschen vor­bei­ge­hend, Umgebungsgeräusche aus­hal­tend, Außenwelt (den sehr begrenz­ten Ausschnitt des eige­nen Kiezes) wahr­neh­mend, war für mich ein gutes
Setting, sich selbst und die Themen des Gesprächs, das Sprechen über Theater in unter­schied­li­chen Kontexten, unter­schied­li­chen Lebenswirklichkeiten zu ver­or­ten und ein­zu­ord­nen. Auch im Nachdenken über das Gespräch im Nachhinein. Worüber wird gere­det und war­um gera­de jetzt?


Ich habe beim Fünf-Dinge Podcast ehr­li­che Einblicke in den aktu­el­len Alltag und das Ausprobieren von Formaten der Theater(pädagogischen) Arbeit erhal­ten, die Probleme, Chancen und Fragen glei­cher­ma­ßen offen­leg­ten. Welche Formate ent­spre­chen mei­ner künst­le­ri­schen Arbeit tat­säch­lich, wer­fen neue inter­es­san­te, for­ma­le Fragen auf und erschei­nen unter den aktu­el­len Bedingungen nicht bloß als schnel­ler digitalitäts-Aktionismus im Kampf um Sichtbarkeit? Auf wel­che gesell­schaft­li­chen Bedingungen und
unter­schied­li­chen Bedürfnisse trifft thea­ter­päd­ago­gi­sche Arbeit in die­ser Situation auch in ihrer sozia­len Verantwortung und wie kann sie auf die­se reagie­ren, ihre Ressourcen zur Verfügung stel­len und umden­ken? Und in wel­cher exis­ten­ti­el­len (Not-)Lage befin­den sich Künstler*innen selbst, die nicht nur legi­ti­miert, son­dern auch ver­langt, inne zu hal­ten, für sich selbst zu sor­gen und grund­le­gen­de Fragen an die Zukunft der eige­nen Arbeit(-sstrukturen) zu stel­len? Wesentliche Fragen, die Raum brau­chen, ver­han­delt wer­den zu kön­nen, um in die­ser Situation aus dem Reagieren in ein nach­hal­ti­ges Handeln zu kom­men.

Für die Preisverleihung zur „Selbstinszenierung der Darstellenden Künste auf ihren Social-Media-Kanälen in Zeiten von Corona“ am nächs­ten Tag hat­te der „digitalitäts-Aktionismus“ dann aber doch zumin­dest eine gro­ße Bandbreite an (teils unge­woll­ter) Unterhaltung zu bie­ten. Und die Frage, was Sichtbarkeit von Theater in Zeiten von Corona bedeu­tet oder bedeu­ten kann, hat sich noch ein­mal deut­lich gestellt.

Preisverleihung zur Selbstinszenierung der Darstellenden Künste auf ihren Social-Media-Kanälen in Zeiten von Corona

(Fast) zum Abschluss der Woche war ich dann noch ein­mal im Theater bei System Rhizomas Premiere [UN]LIMITED TRACES, eine Tanzproduktion im und für den digi­ta­len Raum mit ana­lo­gem Nachgespräch am Telefon mit einer mir bis dahin unbe­kann­ten Person. Der rote Vorhang hat sich für mich live geho­ben und zwi­schen Show-Format, Prozess-Rückschau, Publikumsinteraktion und pri­vat gefilm­ten Tanzeinlagen nach gezeich­ne­ter Anleitung habe ich ver­sucht, mich auf eines neu­es, digital-analoges Inszenierungsformat ein­zu­las­sen, mich gefreut, einen bewuss­ten
Umgang mit den aktu­el­len Inszenierungsbedingungen inner­halb der künst­le­ri­schen Form zu beob­ach­ten und beim Nachgespräch doch auch wie­der viel über das Für und Wider aktu­el­ler Ersatzversuche/Formate von Theater und die sehr ande­ren Publikumserfahrung gere­det. Und wie schön, wie­der die Möglichkeit eines sol­chen Telefon-Nachgesprächs beim Spaziergang gehabt zu haben.

Ganz zum Abschluss hat mich an einem Sonntag-Abend die ein­ge­rich­te­te Telegram-Gruppe als schö­ner, gesel­li­ger Ausklang der Woche zum Tatort-Schauen bewegt, vom vor­zei­ti­gen Abschalten abge­hal­ten und im Anschluss zu einem gemein­sa­men Spiel ein­ge­la­den.

Wenn ich auf die Zeit seit dem schaue, hat die „Woche für nicht-infektiöse
Begegnungsformate“ für mich defi­ni­tiv Motivation geschaf­fen, zum einen online Angebote wenn, dann nicht allei­ne son­dern mit ande­ren zusam­men über Video-Konferenzen oder Gruppen-Chats wahr­zu­neh­men und zu dis­ku­tie­ren und zum ande­ren wei­ter Fragen an Formate, Zugänge zu Kunst und nach­hal­ti­ge Zukunftsperspektiven zu stel­len und zu den­ken. Gerade in der Frage nach spe­zi­fisch gestal­te­ten und mode­rier­ten Begegnungsformaten für den digi­ta­len Raum aber auch dar­über hin­aus unter den Bedingungen von Kontaktbeschränkungen hat die­se Woche wich­ti­ge Impulse gege­ben und ich sehe unter den zahl­lo­sen Online-Veranstaltungen nach und nach mehr, die den Fokus genau auf die Bedingungen und Möglichkeiten sol­cher neu­en Formate legen.
Dieser Schritt (zurück), der auch mit­be­denkt, dass es für sol­che Formate Expert*innen benö­tigt, die nicht zwin­gend Theaterschaffende sind, scheint mir ein wich­ti­ger.


Laura Kallenbach ist Gründungsmitglied von CHICKS* frei­es per­for­mance­kol­lek­tiv und seit­dem regel­mä­ßig als Dramaturgin an Produktionen des Kollektivs betei­ligt. Seit 2019 pro­mo­viert sie an der Universität Hildesheim zum Thema „Doing Gender als ästhe­ti­sche Praxis in der Theaterpädagogik.

Desperate Housewatch zum Sonntagstatort – Schneller als alle Bullen zusammen

Es ist Sonntagabend, 20.15 Uhr, Tatort-Zeit. Heute aus Frankfurt. Wir haben einen digi­ta­len Livechat ein­ge­rich­tet. Und ab 20.15 Uhr scheint mein Handy zu explo­die­ren. Über 90 Minuten lang (mit Vor- und Nachgeplänkel) bom­bar­diert unser digi­ta­les Kommissariat mein Handydisplay, beschul­digt Verdächtige, kon­stru­iert Tatmotive und pro­phe­zeit die absur­des­ten, aber wohl nicht unwahr­schein­lichs­ten Falllösungen. Ein Wort gibt das Andere, im Bruchteil von Sekunden ermit­teln wir über Umfragen Täterprofile (War ers? – Runde 1 ‑3), fach­sim­peln über Rechtsphilosophie ( Sind wir die Guten (55%) oder die Bösen (45%)?) und ergrün­den unser Straftatenpotential (nie mehr durch­schla­fen (83%) oder einen Mord bege­hen (17%)?).

Im Sekundentakt wer­den unse­re wohn­zim­me­ri­gen Einsatzstellen prä­sen­tiert, sich zuge­pros­tet, Kulissen ana­ly­siert und Dialoge wei­ter gespon­nen. Ich bin so damit beschäf­tigt dem Chat zu fol­gen, dass mich die Kommissare in Frankfurt schon längst ver­lo­ren haben. Ist auch nicht schlimm, im Chat erfah­re ich ja eh alles was pas­siert, und hier ist die Stimmung deut­lich bes­ser als bei den Kolleg*innen am Main. Offensichtlich gehört es zum all­ge­mei­nen Krimivergnügen, den Ermittlungen wie bei einem Sportevent ordent­lich zuzu­ju­beln oder sich zu empö­ren. War mir gar nicht so klar, wie vie­le Emotionen ich da bis jetzt immer so still­schwei­gend durch­lebt habe.

Um 22 Uhr bin ich auf­ge­dreht wie sel­ten nach mei­nem übli­chen Sonntagsritual. War das jetzt eigent­lich Schwarmintelligenz? Oder eher Rinderwahnsinn? Und wer war noch­mal der Mörder?

Nicht-infektiöse Rückmeldungen

Du hast an nicht-infektiösen Begegnungsformaten teil­ge­nom­men? Dann inter­es­siert uns, wie du die letz­te Woche und die ein­zel­nen Formate erlebt hast. Du hast nie teil­ge­nom­men? Dann wür­de uns inter­es­sie­ren wor­an das lag und wel­che Schwellen wir abbau­en kön­nen.

Rückmeldungen ger­ne an fragen@geheimedramaturgischegesellschaft. de, per Telegram an 01636608357 oder zum öffent­li­chen Diskutieren als Kommentar unter die­sen Beitrag.

Auf Spuren von „[un]limited traces“

Im Anschluss an die Online-Premiere von „[un]limited traces“ von System Rhizoma luden wir das Publikum und das künst­le­ri­sche Team ein, das Aufführungserlebnis in einem Telefongespräch mit einer (noch) unbe­kann­ten Person spa­zie­rend nach­wir­ken zu las­sen.

Ausgehend von der Live-Cam Performance, der dar­in ein­ge­bet­te­ten Videopremiere und unse­ren Inspirationsfragen sind Spaziergangspärchen mit größt­mög­li­chen kör­per­li­chen Abstand in leb­haf­ten inhaltlich-ästhetischen Austausch durch ganz Deutschland gewan­delt. Köln, Braunschweig, Berlin, Hamburg, Weimar und vie­le Städte mehr ver­ban­den sich zu einem inten­si­ven Gesprächsnetz über die soeben gese­hen Aufführung.

1. Digitale Preisverleihung der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft

Freitag Abend zur Prime-Time adap­tier­ten wir unser Format „Die Preisverleihung“ zum ers­ten mal für den digi­ta­len Raum. Anlass war uns die Fülle und Vielfalt an Selbstinszeniergungsstrategien der Theaterlandschaft, die die Corona-Krise her­vor­bringt.

Die Preisverleihung wur­de erfun­den, um offen und ehr­lich über Aufführungen auf Festivals zu spre­chen – um Abseitiges ins Rampenlicht zu rücken und das hier­ar­chi­sche Prinzip von Preisverleihungen ad absur­dum zu füh­ren. Wir reden in die­sem Showformat rein sub­jek­tiv und neh­men uns das Recht dazu aus der gemein­sa­men Zeit, die wir mit den Spielenden auf einem Festival ver­brin­gen. So wie sie sich auf der Bühne expo­nie­ren, machen auch wir uns angreif­bar. In Zeiten von Corona gibt es die­se Gemeinschaft nicht. Die Spielenden, über deren Videos wir rede­ten, waren (in den meis­ten Fällen) nicht in unse­rem digi­ta­len Raum. Aber: Wir sind zumin­dest die Zielgruppe ihrer Selbstinszenierungen. Zumindest glau­ben wir das. Wir haben so offen und ehr­lich mit­ein­an­der gere­det, wie wir es auch in einer WG-Küche getan hät­ten – aber wir waren uns auch bewusst, dass die aktu­el­le Situation für vie­le Kunstschaffende eine exis­ten­ti­el­le Notlage ist.

Fünf Dinge – Der Theaterpodcast der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft. Folge 1: Sinn & Unsinn von digitalen Theaterangeboten

Wir prä­sen­tie­ren unse­ren haus­ei­ge­nen Podcast der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft: „Fünf Dinge“. In jeder Episode tau­schen wir uns mit einem Gast über Kunstvermittlung, Beteiligung und Gesprächsgestaltung aus. In unse­rem Auftakt spre­chen Josephine Hock und David Vogel mit Malte Andritter vom Jungen Volkstheater Wien über „Sinn & Unsinn von digi­ta­len Theaterangeboten“. Wir freu­en uns über Eure Reaktionen.

Die Abkotz-Schwelle – Ein Tag am Anonymen-Abkotz-Telefon

Es ist 23:50, als ich den letz­ten Anruf ent­ge­gen neh­me. Wir spre­chen 30 Minuten mit­ein­an­der. Insgesamt neh­me ich 10 Anrufe ent­ge­gen und spre­che mit 9 Menschen (ein­mal ist nur Stille am ande­ren Ende der Leitung). Der kür­zes­te Anruf dau­ert 47 Sekunden, der längs­te 50 Minuten. Der Durchschnitt liegt bei cir­ca 20 Minuten Gesprächszeit.

DISTANZ-LOS-GEHEN – Ein Spaziergang

16:00 Uhr war es so weit. Dreizehn Menschen wähl­ten eine ihnen zuge­los­te Nummer und bei drei­zehn ande­ren klin­gel­te das Telefon. Und dann wur­de tele­fo­niert. Ein Schüler tele­fo­nier­te mit einer Schauspielerin, ein frei­er Theatermacher mit einem Lehrer für dar­stel­len­des Spiel, zwei Theaterpädagoginnen mit­ein­an­der.

In den meis­ten Fällen kann­ten sich die­se Personen vor­her nicht. Zwei ehe­ma­li­ge Kommiliton*innen nut­zen das Telefonat zum gegen­sei­ti­gen Update, zwei Kolleginnen lie­ßen sich neue Partner*innen zu losen.

Am Anfang stand wohl bei Vielen eine Unsicherheit. Wer ruft mich an und wor­über sol­len wir reden? Aber dann ent­stan­den Gespräche die teil­wei­se über eine Stunde dau­er­ten. Es ging um Unsicherheiten in der aktu­el­len Situation, Ideen wie Theater gera­de funk­tio­nie­ren kann, das Entdecken von Parallelen in den ver­schie­de­nen Arbeiten, auch wenn man sich noch nie gese­hen hat. Vor allem aber war es schön, ein­mal jemand Neuen ken­nen zu ler­nen und inten­siv ins Gespräch zu kom­men.

Auf Theaterfestivals neh­men wir uns immer wie­der vor, Menschen mit­ein­an­der ins Gespräch zu brin­gen, die sonst nicht mit­ein­an­der reden wür­den. Beim DISTANZ-LOS-GEHEN gelingt dies selbst­ver­ständ­li­cher, ein­fa­cher und umfang­rei­cher, als es auf einem Festival mög­lich wäre. Allein schon des­halb, weil die räum­li­che Trennung plötz­lich kei­ne Rolle mehr spielt. Und ein Gespräch zwi­schen Schüler*innen und Schauspieler*innen pas­siert in die­ser Selbstverständlichkeit und in der Hierachiearmut des gemein­sa­men Flanierens, wohl nur wenn man zusam­men am Lagerfeuer sit­zen kann.

Aus den Gesprächen ent­ste­hen Postkarten für ein ARCHIV DER ISOLATIONS-THEATER-IDEEN. Diese ver­öf­fent­li­chen wir auf unse­rem Blog, sobald sie ein­tref­fen. Solltest du noch Anmerkungen zu dem Format und dei­nen Erfahrungen haben, schrei­be ger­ne an vincent@geheimedramaturgischegesellschaft.de.

Rückblick auf „Time – out! – Ein unterbrochenes Public Viewing“

Mit dem Format „Time – out! – Ein unter­bro­che­nes Public Viewing“ zur Inszenierung „Scream – ein popu­lis­ti­sches Mashup“ vom Jungen Enseble Stuttgart haben wir am 13. April 2020 die „Woche der nicht-infektiösen Begegnungsformate“ eröff­net.

Die größ­te Faszination für uns und die Teilnehmenden war, dass sich in die­sem Format tat­säch­lich der Wunsch nach tat­säch­li­cher Begegnung, die wir mit die­ser Woche her­stel­len wol­len, erfüll­te.

Mit den Produktionsteams (Sascha Flocken / Regie, Anna-Lena Hitzfeld / Spielerin, Gerd Ritter / Spieler und Lucia Kramer / Dramaturgie) und 35 Teilnehmenden aus – „Hildesheim, Flensburg, mei­nem WG Zimmer in Weimar, Erfurt, einem Stuhl in Bremen, Ulm Zentrum, Stuttgart, Frankfurt am Main, Schönaich, neben Böblingen, Freiburg, Stuttgart, Stuttgart Süd, Berlin (4x), Wiesbaden, Paderborn, Gießen, Ulm, Hamburg, Regensburg, Lübeck, Degerloch, Kiel, dem Auto auf einem P&R Parkplatz bei Rösrath und dem (unbe­nutz­ten) Bett mei­nes Sohnes in Stuttgart“ (Gesammelte Verortungen im Chat) – tat­säch­lich zu einer Gemeinschaft der Guckenden und kamen in den Genuss einer kol­lek­ti­ven Theater-Seh-Erfahrung.

Der par­al­lel lau­fen­de Chat, aber beson­ders auch die Möglichkeit des Time Outs – also das Anhalten des Streams, um für genau 5 Minuten über eine auf­kom­men­de Frage zu dis­ku­tie­ren –, waren Momente, in denen Liveness spür- und reflek­tier­bar wur­de. Nach dem Ende des Streams blie­ben wir noch über eine Stunde im gemein­sa­men Raum und dis­ku­tier­ten übrig geblie­be­ne Fragen und Eindrücke.“

Zwischenarbeitstreffen „Hi 2025“

Am 7. März beglei­te­ten Tobias und Willi das Zwischenarbeitstreffen der Hildesheimer Bewerbung um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2025“. Nach dem erfolg­rei­chen Einzug in die Endauswahl waren Vertreter*innen aus Kultur, Politik, Soziales, Wirtschaft und Sport ein­ge­la­den, sich über die kom­men­den Schritte infor­mie­ren zu las­sen und inhalt­lich mit­zu­den­ken.

Die Geheime Dramaturgische Gesellschaft gestal­te­te Reflexionsflächen, auf denen die Teilnehmenden ihre Gedanken und Hintergründe ver­schrift­li­chen konn­ten. So wur­de z.B. nach der per­sön­li­chen Einstellung zur Kulturhauptstadtbewerbung und der schlimms­ten Befürchtung dem Prozess gegen­über gefragt. Auf der „Wand der stei­len Thesen“ wur­den Ideen und O‑Töne aus den Arbeitsgruppen in zuge­spitz­ter Form an die Tagungsgemeinschaft zurück­ge­spielt.

Insgesamt wur­de ein gro­ßes Bedürfnis sei­tens der Teilnehmenden sicht­bar, nicht nur punk­tu­ell ein­ge­bun­den zu wer­den, son­dern aktiv mit­zu­ge­stal­ten. Daran schließt sich die Frage an, wo im wei­te­ren Verlauf aus­rei­chend Räume und Zeiten für Partizipation sind – und wie an die Stelle einer Rhetorik des „Mitnehmens“ und „Abholens“ ein inklu­si­ves, diver­ses und ver­bin­den­des Stadtprojekt tre­ten kann. An Ideen und Motivation, das wur­de an die­sem Samstagnachmittag deut­lich, man­gelt es nicht.

Wand der stei­len Thesen

1. Beet-hoven – wir brau­chen eine Rüben-Sinfonie.

2. Hildesheim ist abge­häng­ter als Chemnitz.

3. Wenn Europa die Idee ist, ist eine 12-köpfige Jury die Realität.

4. Es gibt kei­ne Zukunft ohne Smartphone.

5. 500.000 € vom Land sind ein unschlag­ba­rer Startvorteil.

6. Das Leitungsteam ist divers.

7. Es braucht weni­ger EU-Flaggen und mehr euro­päi­sche Politik.

8. Viele Menschen spre­chen Englisch, aber nur weni­ge die Sprache des Managements.

9. Kunst ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit!

10. Flyer waren schon immer raus­ge­wor­fe­nes Geld.

11. Verbindungen kön­nen lan­ge wei­len.

12. Internationalität muss mehr sein als ÖA.

13. Englische Übersetzung ist euro­zen­tris­tisch, wenn sie allei­ne steht.

14. Menschen wol­len nicht „mit­ge­nom­men wer­den“, son­dern selbst ent­schei­den, ob sie mit­ge­hen.

15. Der Hildesheimer an sich ist stur und lebt zurück­ge­zo­gen.

16. Es ist leich­ter, „alle“ zu sagen, als alle auf­zu­zäh­len und mit­zu­den­ken.

17. Die Kulturhauptstadt löst alle Probleme.

18. Wir brau­chen Rampen als Kunstprojekte.

19. Von der Kulturhauptstadt wer­den nur die Kulturmanager pro­fi­tie­ren, nicht die Hildesheimer*innen.

20. Zuckerrüben ste­hen für den Beginn der indus­tri­el­len Revolution, die uns heu­te die Lebensgrundlagen zer­stört, und für maxi­mal unge­sun­de Ernährung.

21. Kunst darf ver­schwen­de­risch sein, aber nicht zer­stö­re­risch.

22. Kostenloser Bus- + Bahnverkehr – dafür alle Kulturförderung ver­wen­den! J

23. Deutsche wol­len immer irgend­wo sie­gen.

24. Die Innerste und die Bierbörse las­sen Menschen aus Lissabon eher kalt.

25. Kulturhauptstadt sein heißt auch zu wis­sen, was man mit „Kultur“ meint.

26. Kaffeefahrten holen Senior*innen auch ab.

27. Die Leute sind so inter­es­siert, dass wir auch mehr Zeit gehabt hät­ten. 28. In der heu­ti­gen Zeit kann es nicht mehr dar­um gehen, Widersprüche auf­zu­lö­sen, son­dern mehr dar­um, gera­de die­sen wertsch