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Die Woche für nicht-infektiöse Begegnungsformate

Ein Erfahrungsbericht von Laura Kallenbach

Ich ver­mis­se Theater. Ich ver­mis­se die gemein­sa­me Raumerfahrung, die unru­hi­ge, erwar­tungs­vol­le Spannung bevor es los geht, bekann­te Gesichter zu tref­fen und allei­ne in der Zuschauer*innengruppe unter­zu­ge­hen, wenn das Licht schumm­ri­ger wird. Ich ver­mis­se Staubpartikel im Scheinwerferlicht, Sätze, die auf der Bühne und in mei­nem Kopf nach­hal­len, Körper, die vor mir, neben mir, hin­ter mir aktiv sind, atmen, reagie­ren, zuhö­ren, arbei­ten. Ich ver­mis­se schö­ne Menschen, die an der Bar im Foyer ste­hen und im Nachgespräch schlaue Sachen sagen und wich­ti­ge Fragen stel­len. Ich ver­mis­se Auseinandersetzung, mit mir, mit ande­ren.

Ich habe trotz­dem oder gera­de des­halb in den letz­ten Monaten weni­ge Online-Theater- Ersatzformate wahr­ge­nom­men. Kaum Inszenierungen über Plattformen gestreamt oder mich von Schauspieler*innen oder Performer*innen in ihr Wohnzimmer zu einer Lesung oder ähn­li­chem ein­la­den las­sen. Meine ein­ge­üb­te Aufmerksamkeit vor dem Bildschirm funk­tio­niert für Videomitschnitte von Inszenierungen nicht auf die sel­be Art und Weise wie für Netflix-Serien. Prozentual viel­leicht unge­fähr in dem Verhältnis in dem Theatern finan­zi­ell und tech­nisch Mittel für eine sol­che Videoproduktion gegen­über einer Filmproduktion zur Verfügung ste­hen, abzüg­lich der Ablenkung, dar­über nach­zu­den­ken, wie die Raumerfahrung, für die die­se Inszenierung eigent­lich erar­bei­tet wur­de, jetzt wohl even­tu­ell wäre, ob Streamingangebote gera­de Rettung oder Tod des Theaters bedeu­ten, ob, wie, und … Ich mach mir kurz ne Stulle.

Vor ein paar Wochen aller­dings hat­te ich durch die „Woche der nicht-infektiösen Begegnungsformate“ der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft plötz­lich einen Terminkalender vol­ler Theater-Dates, die ich alle­samt wahr­ge­nom­men habe. Zu wis­sen, dass zu den ein­zel­nen Terminen des Wochen-Spielplans meh­re­re Menschen zusam­men kom­men wer­den und die Aufführungen (unter­schied­li­cher Art) gemein­sam erle­ben wer­den, war auf jeden Fall schon mal ein ers­ter Anreiz, die­ses Format zu tes­ten. Oder eigent­lich die Formate. Die unter­schied­li­chen, offe­nen Versuchsanordnungen, Theater und vor allem Begegnung mit und über Theater in die­ser Zeit statt­fin­den zu las­sen, haben mich neu­gie­rig gemacht und mich als Mitforschende ein­ge­la­den.

Ich habe in einem Zoom-Meeting mit 30, 40 Menschen zusam­men Theater geschaut, ein TIMEOUT ein­ge­for­dert, um den Stream zu unter­bre­chen und eine Frage zur Inszenierung zu stel­len – ans Team und an die ande­ren Zuschauenden. Ich habe den Zoom-Zuschauer*innen-Raum nicht zwi­schen­zeit­lich ver­las­sen, um ande­re Dinge zu tun, son­dern mich tat­säch­lich im kol­lek­ti­ven Schauen auf den Stream (und den kom­men­tie­ren­den Chat mit den ande­ren) kon­zen­trie­ren kön­nen, mich viel­leicht auch in die­ser Konstellation stär­ker mit ver­ant­wort­lich gefühlt. Und ich habe im Nachgespräch wich­ti­ge Frage zur Inszenierung wei­ter­den­ken und bespre­chen kön­nen. Ich hat­te allei­ne
in mei­ner Wohnung sit­zend das Gefühl, gemein­sam Theater zu erle­ben. Das Video hat die Live-Aufführung nicht erset­zen kön­nen, aber das Format eine Form des gemein­sa­men Erlebens.

TIME-OUT! Ein unter­bro­che­nes Public Viewing“ zur Online-Aufführung von „Scream“ am Jungen Ensemble Stuttgart

Ich war eine Stunde spa­zie­ren und habe mich am Telefon zufäl­lig aus­ge­lost zwar nicht mit einer mir frem­den Person unter­hal­ten, aber doch als schö­ne Überraschung mit einem Menschen, den ich sonst gera­de nicht tref­fe. Ich bin durch die Straßen und den Park spa­ziert und wir haben dar­über gespro­chen, wie uns die Situation gera­de betrifft, wie wir sie wahr­neh­men und mit ihr umge­hen, ob Theater dabei gera­de eine Rolle spielt, wie und was geschaut wird, über die Zukunft des Theaters (oder eher der Theater
in ihren sehr unter­schied­li­chen insti­tu­tio­nel­len Bedingungen) spe­ku­liert und Fragen an gesell­schaft­li­che Auswirkungen die­ser Krise gestellt. Das bei einem Spaziergang zu tun, an ande­ren Menschen vor­bei­ge­hend, Umgebungsgeräusche aus­hal­tend, Außenwelt (den sehr begrenz­ten Ausschnitt des eige­nen Kiezes) wahr­neh­mend, war für mich ein gutes
Setting, sich selbst und die Themen des Gesprächs, das Sprechen über Theater in unter­schied­li­chen Kontexten, unter­schied­li­chen Lebenswirklichkeiten zu ver­or­ten und ein­zu­ord­nen. Auch im Nachdenken über das Gespräch im Nachhinein. Worüber wird gere­det und war­um gera­de jetzt?


Ich habe beim Fünf-Dinge Podcast ehr­li­che Einblicke in den aktu­el­len Alltag und das Ausprobieren von Formaten der Theater(pädagogischen) Arbeit erhal­ten, die Probleme, Chancen und Fragen glei­cher­ma­ßen offen­leg­ten. Welche Formate ent­spre­chen mei­ner künst­le­ri­schen Arbeit tat­säch­lich, wer­fen neue inter­es­san­te, for­ma­le Fragen auf und erschei­nen unter den aktu­el­len Bedingungen nicht bloß als schnel­ler digitalitäts-Aktionismus im Kampf um Sichtbarkeit? Auf wel­che gesell­schaft­li­chen Bedingungen und
unter­schied­li­chen Bedürfnisse trifft thea­ter­päd­ago­gi­sche Arbeit in die­ser Situation auch in ihrer sozia­len Verantwortung und wie kann sie auf die­se reagie­ren, ihre Ressourcen zur Verfügung stel­len und umden­ken? Und in wel­cher exis­ten­ti­el­len (Not-)Lage befin­den sich Künstler*innen selbst, die nicht nur legi­ti­miert, son­dern auch ver­langt, inne zu hal­ten, für sich selbst zu sor­gen und grund­le­gen­de Fragen an die Zukunft der eige­nen Arbeit(-sstrukturen) zu stel­len? Wesentliche Fragen, die Raum brau­chen, ver­han­delt wer­den zu kön­nen, um in die­ser Situation aus dem Reagieren in ein nach­hal­ti­ges Handeln zu kom­men.

Für die Preisverleihung zur „Selbstinszenierung der Darstellenden Künste auf ihren Social-Media-Kanälen in Zeiten von Corona“ am nächs­ten Tag hat­te der „digitalitäts-Aktionismus“ dann aber doch zumin­dest eine gro­ße Bandbreite an (teils unge­woll­ter) Unterhaltung zu bie­ten. Und die Frage, was Sichtbarkeit von Theater in Zeiten von Corona bedeu­tet oder bedeu­ten kann, hat sich noch ein­mal deut­lich gestellt.

Preisverleihung zur Selbstinszenierung der Darstellenden Künste auf ihren Social-Media-Kanälen in Zeiten von Corona

(Fast) zum Abschluss der Woche war ich dann noch ein­mal im Theater bei System Rhizomas Premiere [UN]LIMITED TRACES, eine Tanzproduktion im und für den digi­ta­len Raum mit ana­lo­gem Nachgespräch am Telefon mit einer mir bis dahin unbe­kann­ten Person. Der rote Vorhang hat sich für mich live geho­ben und zwi­schen Show-Format, Prozess-Rückschau, Publikumsinteraktion und pri­vat gefilm­ten Tanzeinlagen nach gezeich­ne­ter Anleitung habe ich ver­sucht, mich auf eines neu­es, digital-analoges Inszenierungsformat ein­zu­las­sen, mich gefreut, einen bewuss­ten
Umgang mit den aktu­el­len Inszenierungsbedingungen inner­halb der künst­le­ri­schen Form zu beob­ach­ten und beim Nachgespräch doch auch wie­der viel über das Für und Wider aktu­el­ler Ersatzversuche/Formate von Theater und die sehr ande­ren Publikumserfahrung gere­det. Und wie schön, wie­der die Möglichkeit eines sol­chen Telefon-Nachgesprächs beim Spaziergang gehabt zu haben.

Ganz zum Abschluss hat mich an einem Sonntag-Abend die ein­ge­rich­te­te Telegram-Gruppe als schö­ner, gesel­li­ger Ausklang der Woche zum Tatort-Schauen bewegt, vom vor­zei­ti­gen Abschalten abge­hal­ten und im Anschluss zu einem gemein­sa­men Spiel ein­ge­la­den.

Wenn ich auf die Zeit seit dem schaue, hat die „Woche für nicht-infektiöse
Begegnungsformate“ für mich defi­ni­tiv Motivation geschaf­fen, zum einen online Angebote wenn, dann nicht allei­ne son­dern mit ande­ren zusam­men über Video-Konferenzen oder Gruppen-Chats wahr­zu­neh­men und zu dis­ku­tie­ren und zum ande­ren wei­ter Fragen an Formate, Zugänge zu Kunst und nach­hal­ti­ge Zukunftsperspektiven zu stel­len und zu den­ken. Gerade in der Frage nach spe­zi­fisch gestal­te­ten und mode­rier­ten Begegnungsformaten für den digi­ta­len Raum aber auch dar­über hin­aus unter den Bedingungen von Kontaktbeschränkungen hat die­se Woche wich­ti­ge Impulse gege­ben und ich sehe unter den zahl­lo­sen Online-Veranstaltungen nach und nach mehr, die den Fokus genau auf die Bedingungen und Möglichkeiten sol­cher neu­en Formate legen.
Dieser Schritt (zurück), der auch mit­be­denkt, dass es für sol­che Formate Expert*innen benö­tigt, die nicht zwin­gend Theaterschaffende sind, scheint mir ein wich­ti­ger.


Laura Kallenbach ist Gründungsmitglied von CHICKS* frei­es per­for­mance­kol­lek­tiv und seit­dem regel­mä­ßig als Dramaturgin an Produktionen des Kollektivs betei­ligt. Seit 2019 pro­mo­viert sie an der Universität Hildesheim zum Thema „Doing Gender als ästhe­ti­sche Praxis in der Theaterpädagogik.