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Monat: April 2020

Desperate Housewatch zum Sonntagstatort – Schneller als alle Bullen zusammen

Es ist Sonntagabend, 20.15 Uhr, Tatort-Zeit. Heute aus Frankfurt. Wir haben einen digi­ta­len Livechat ein­ge­rich­tet. Und ab 20.15 Uhr scheint mein Handy zu explo­die­ren. Über 90 Minuten lang (mit Vor- und Nachgeplänkel) bom­bar­diert unser digi­ta­les Kommissariat mein Handydisplay, beschul­digt Verdächtige, kon­stru­iert Tatmotive und pro­phe­zeit die absur­des­ten, aber wohl nicht unwahr­schein­lichs­ten Falllösungen. Ein Wort gibt das Andere, im Bruchteil von Sekunden ermit­teln wir über Umfragen Täterprofile (War ers? – Runde 1 ‑3), fach­sim­peln über Rechtsphilosophie ( Sind wir die Guten (55%) oder die Bösen (45%)?) und ergrün­den unser Straftatenpotential (nie mehr durch­schla­fen (83%) oder einen Mord bege­hen (17%)?).

Im Sekundentakt wer­den unse­re wohn­zim­me­ri­gen Einsatzstellen prä­sen­tiert, sich zuge­pros­tet, Kulissen ana­ly­siert und Dialoge wei­ter gespon­nen. Ich bin so damit beschäf­tigt dem Chat zu fol­gen, dass mich die Kommissare in Frankfurt schon längst ver­lo­ren haben. Ist auch nicht schlimm, im Chat erfah­re ich ja eh alles was pas­siert, und hier ist die Stimmung deut­lich bes­ser als bei den Kolleg*innen am Main. Offensichtlich gehört es zum all­ge­mei­nen Krimivergnügen, den Ermittlungen wie bei einem Sportevent ordent­lich zuzu­ju­beln oder sich zu empö­ren. War mir gar nicht so klar, wie vie­le Emotionen ich da bis jetzt immer so still­schwei­gend durch­lebt habe.

Um 22 Uhr bin ich auf­ge­dreht wie sel­ten nach mei­nem übli­chen Sonntagsritual. War das jetzt eigent­lich Schwarmintelligenz? Oder eher Rinderwahnsinn? Und wer war noch­mal der Mörder?

Nicht-infektiöse Rückmeldungen

Du hast an nicht-infektiösen Begegnungsformaten teil­ge­nom­men? Dann inter­es­siert uns, wie du die letz­te Woche und die ein­zel­nen Formate erlebt hast. Du hast nie teil­ge­nom­men? Dann wür­de uns inter­es­sie­ren wor­an das lag und wel­che Schwellen wir abbau­en kön­nen.

Rückmeldungen ger­ne an fragen@geheimedramaturgischegesellschaft. de, per Telegram an 01636608357 oder zum öffent­li­chen Diskutieren als Kommentar unter die­sen Beitrag.

Auf Spuren von „[un]limited traces“

Im Anschluss an die Online-Premiere von „[un]limited traces“ von System Rhizoma luden wir das Publikum und das künst­le­ri­sche Team ein, das Aufführungserlebnis in einem Telefongespräch mit einer (noch) unbe­kann­ten Person spa­zie­rend nach­wir­ken zu las­sen.

Ausgehend von der Live-Cam Performance, der dar­in ein­ge­bet­te­ten Videopremiere und unse­ren Inspirationsfragen sind Spaziergangspärchen mit größt­mög­li­chen kör­per­li­chen Abstand in leb­haf­ten inhaltlich-ästhetischen Austausch durch ganz Deutschland gewan­delt. Köln, Braunschweig, Berlin, Hamburg, Weimar und vie­le Städte mehr ver­ban­den sich zu einem inten­si­ven Gesprächsnetz über die soeben gese­hen Aufführung.

1. Digitale Preisverleihung der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft

Freitag Abend zur Prime-Time adap­tier­ten wir unser Format „Die Preisverleihung“ zum ers­ten mal für den digi­ta­len Raum. Anlass war uns die Fülle und Vielfalt an Selbstinszeniergungsstrategien der Theaterlandschaft, die die Corona-Krise her­vor­bringt.

Die Preisverleihung wur­de erfun­den, um offen und ehr­lich über Aufführungen auf Festivals zu spre­chen – um Abseitiges ins Rampenlicht zu rücken und das hier­ar­chi­sche Prinzip von Preisverleihungen ad absur­dum zu füh­ren. Wir reden in die­sem Showformat rein sub­jek­tiv und neh­men uns das Recht dazu aus der gemein­sa­men Zeit, die wir mit den Spielenden auf einem Festival ver­brin­gen. So wie sie sich auf der Bühne expo­nie­ren, machen auch wir uns angreif­bar. In Zeiten von Corona gibt es die­se Gemeinschaft nicht. Die Spielenden, über deren Videos wir rede­ten, waren (in den meis­ten Fällen) nicht in unse­rem digi­ta­len Raum. Aber: Wir sind zumin­dest die Zielgruppe ihrer Selbstinszenierungen. Zumindest glau­ben wir das. Wir haben so offen und ehr­lich mit­ein­an­der gere­det, wie wir es auch in einer WG-Küche getan hät­ten – aber wir waren uns auch bewusst, dass die aktu­el­le Situation für vie­le Kunstschaffende eine exis­ten­ti­el­le Notlage ist.

Fünf Dinge – Der Theaterpodcast der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft. Folge 1: Sinn & Unsinn von digitalen Theaterangeboten

Wir prä­sen­tie­ren unse­ren haus­ei­ge­nen Podcast der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft: „Fünf Dinge“. In jeder Episode tau­schen wir uns mit einem Gast über Kunstvermittlung, Beteiligung und Gesprächsgestaltung aus. In unse­rem Auftakt spre­chen Josephine Hock und David Vogel mit Malte Andritter vom Jungen Volkstheater Wien über „Sinn & Unsinn von digi­ta­len Theaterangeboten“. Wir freu­en uns über Eure Reaktionen.

Die Abkotz-Schwelle – Ein Tag am Anonymen-Abkotz-Telefon

Es ist 23:50, als ich den letz­ten Anruf ent­ge­gen neh­me. Wir spre­chen 30 Minuten mit­ein­an­der. Insgesamt neh­me ich 10 Anrufe ent­ge­gen und spre­che mit 9 Menschen (ein­mal ist nur Stille am ande­ren Ende der Leitung). Der kür­zes­te Anruf dau­ert 47 Sekunden, der längs­te 50 Minuten. Der Durchschnitt liegt bei cir­ca 20 Minuten Gesprächszeit.

DISTANZ-LOS-GEHEN – Ein Spaziergang

16:00 Uhr war es so weit. Dreizehn Menschen wähl­ten eine ihnen zuge­los­te Nummer und bei drei­zehn ande­ren klin­gel­te das Telefon. Und dann wur­de tele­fo­niert. Ein Schüler tele­fo­nier­te mit einer Schauspielerin, ein frei­er Theatermacher mit einem Lehrer für dar­stel­len­des Spiel, zwei Theaterpädagoginnen mit­ein­an­der.

In den meis­ten Fällen kann­ten sich die­se Personen vor­her nicht. Zwei ehe­ma­li­ge Kommiliton*innen nut­zen das Telefonat zum gegen­sei­ti­gen Update, zwei Kolleginnen lie­ßen sich neue Partner*innen zu losen.

Am Anfang stand wohl bei Vielen eine Unsicherheit. Wer ruft mich an und wor­über sol­len wir reden? Aber dann ent­stan­den Gespräche die teil­wei­se über eine Stunde dau­er­ten. Es ging um Unsicherheiten in der aktu­el­len Situation, Ideen wie Theater gera­de funk­tio­nie­ren kann, das Entdecken von Parallelen in den ver­schie­de­nen Arbeiten, auch wenn man sich noch nie gese­hen hat. Vor allem aber war es schön, ein­mal jemand Neuen ken­nen zu ler­nen und inten­siv ins Gespräch zu kom­men.

Auf Theaterfestivals neh­men wir uns immer wie­der vor, Menschen mit­ein­an­der ins Gespräch zu brin­gen, die sonst nicht mit­ein­an­der reden wür­den. Beim DISTANZ-LOS-GEHEN gelingt dies selbst­ver­ständ­li­cher, ein­fa­cher und umfang­rei­cher, als es auf einem Festival mög­lich wäre. Allein schon des­halb, weil die räum­li­che Trennung plötz­lich kei­ne Rolle mehr spielt. Und ein Gespräch zwi­schen Schüler*innen und Schauspieler*innen pas­siert in die­ser Selbstverständlichkeit und in der Hierachiearmut des gemein­sa­men Flanierens, wohl nur wenn man zusam­men am Lagerfeuer sit­zen kann.

Aus den Gesprächen ent­ste­hen Postkarten für ein ARCHIV DER ISOLATIONS-THEATER-IDEEN. Diese ver­öf­fent­li­chen wir auf unse­rem Blog, sobald sie ein­tref­fen. Solltest du noch Anmerkungen zu dem Format und dei­nen Erfahrungen haben, schrei­be ger­ne an vincent@geheimedramaturgischegesellschaft.de.

Rückblick auf „Time – out! – Ein unterbrochenes Public Viewing“

Mit dem Format „Time – out! – Ein unter­bro­che­nes Public Viewing“ zur Inszenierung „Scream – ein popu­lis­ti­sches Mashup“ vom Jungen Enseble Stuttgart haben wir am 13. April 2020 die „Woche der nicht-infektiösen Begegnungsformate“ eröff­net.

Die größ­te Faszination für uns und die Teilnehmenden war, dass sich in die­sem Format tat­säch­lich der Wunsch nach tat­säch­li­cher Begegnung, die wir mit die­ser Woche her­stel­len wol­len, erfüll­te.

Mit den Produktionsteams (Sascha Flocken / Regie, Anna-Lena Hitzfeld / Spielerin, Gerd Ritter / Spieler und Lucia Kramer / Dramaturgie) und 35 Teilnehmenden aus – „Hildesheim, Flensburg, mei­nem WG Zimmer in Weimar, Erfurt, einem Stuhl in Bremen, Ulm Zentrum, Stuttgart, Frankfurt am Main, Schönaich, neben Böblingen, Freiburg, Stuttgart, Stuttgart Süd, Berlin (4x), Wiesbaden, Paderborn, Gießen, Ulm, Hamburg, Regensburg, Lübeck, Degerloch, Kiel, dem Auto auf einem P&R Parkplatz bei Rösrath und dem (unbe­nutz­ten) Bett mei­nes Sohnes in Stuttgart“ (Gesammelte Verortungen im Chat) – tat­säch­lich zu einer Gemeinschaft der Guckenden und kamen in den Genuss einer kol­lek­ti­ven Theater-Seh-Erfahrung.

Der par­al­lel lau­fen­de Chat, aber beson­ders auch die Möglichkeit des Time Outs – also das Anhalten des Streams, um für genau 5 Minuten über eine auf­kom­men­de Frage zu dis­ku­tie­ren –, waren Momente, in denen Liveness spür- und reflek­tier­bar wur­de. Nach dem Ende des Streams blie­ben wir noch über eine Stunde im gemein­sa­men Raum und dis­ku­tier­ten übrig geblie­be­ne Fragen und Eindrücke.“